Ich kann mich an die Zeit erinnern, als eine Menge Ex-Studenten haufenweise Internet-Firmen gegründet haben. In der Nachbetrachtung nennen wir das “Jugend trainiert für die Wirtschaft” - das Unternehmenführungsniveau war streckenweise unterirdisch, sicher auch ein Grund, warum die New Economy platzte.
Auf ähnlichem Niveau erscheint mir derzeit die Diskussion von IT-Wirtschaftlern, die urplötzlich in das Thema “Klimaschutz” gestoßen werden und jedes Argument für ihr persönliches Marketing einsetzen. Das jüngste Beispiel: Der Kommentar von Johann Dasch, Vorstandsvorsitzender der 1blu AG, über Klimaschutz im Internet in der Internet World Business. (Ich würde den gerne verlinken, aber die Internet World Business hat da einen Zahlungs-Schutz davor…).
Jedenfalls wendet sich Johann Dasch in seinem Kommentar gegen die großen Webhoster (z.B. Strato) die ihre Rechenzentren mit Grünem Strom betreiben. Seine These: Damit würde doch eh nur der Strom verwendet, der ohnehin da ist und zusätzlich zum “bösen” Strom prouziert werde - seinen Worten nach “…leider kein grüner Strom in Reinform”.
Ich bin nun kein Freund von Strato (und es gibt gute Gründe, deren Hosting-Pakete nicht zu kaufen) - aber miesmachen ist an diesem Punkt nicht angebracht: Denn Strato bezieht seinen Strom von der NaturEnergie AG und übernimmt nicht etwa den grün gelabelten Strom von EON oder RWE. Und dass es nicht möglich ist, den Strom nach der Art seiner Erzeugung zu trennen macht an dem Punkt nichts aus: Denn so viel Strom wie bei Strato aus der Steckdose kommt, so viel Strom steckt dei NaturEnergie AG aus ihren Wasserkraftwerken ins Netz rein.
Recht hat Herr Dasch allerdings damit, dass der “grüne” Strom oft früher normaler Strom war (auch teilweise bei der NaturEnergie AG, die eine Tochter der Energiedienst Holding AG ist) und nun halt umgelabelt wird. Aber nicht Recht hat Herr Dasch, wenn er das kurz mal allen unterstellt und damit all dies als nutzlos “labelt”. Man schaue sich z.B. das Engagement von T-Mobile an.
Ärgerlich, dass sich der 1blu-Manager im gleichen Atemzug ein grünes Kittelchen anzieht und sich selbst auf die Brust klopft. Und zwar, als DER Stromsparer. Klar, auch hier hat er ein wenig Recht: Grüner als grüner Strom ist nur noch gesparter Strom. Aber wie spart Herr Dasch den Strom? Indem er seinen Kunden “Shared Server” anbietet - er stückelt also die Leistung eines Webservers für mehrere Kunden und behauptet am Ende, dass einer seiner virtuellen Server 90 % (!) weniger Strom verbraucht als ein dedizierter Server. Das ist eine verwegene Aussage und natürlich nur dann richtig, wenn der Kunde lediglich 10 % der Leistung auch benötigt… Jedenfalls verkauft Dasch diese (durchaus sinnvollen) virtuellen Server nicht aus Umweltschutzgründen, sondern hoffentlich nur an Kunden, die nicht mehr Leistung benötigen und deshalb auch kräftig Geld sparen können.
Um es kurz zu sagen: Erstens denke ich, dass weder Stromsparen noch Grüner Strom allein seligmachend sind - sondern nur die Kombination. Und zweitens mache ich mir Sorgen darüber, dass “Green-IT” als Begründung für viele Produkte einfach mal so hergenommen wird - und im gleichen Zuge andere klimafreundliche Produkte schlecht gemacht werden. Wie in diesem Fall…